Nachhaltigkeit im Qualitätsmanagement: Was QM-Verantwortliche jetzt konkret prüfen sollten
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Nachhaltigkeit ist im Qualitätsmanagement angekommen. Aber bedeutet das automatisch, dass QM-Verantwortliche künftig CO₂-Bilanzen erstellen, ESG-Berichte verantworten und sämtliche Nachhaltigkeitskennzahlen im Unternehmen steuern müssen?
Nicht unbedingt.
Gerade 2026 lohnt sich eine genauere Einordnung. Denn auf europäischer Ebene wurden die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung teilweise vereinfacht und neu zugeschnitten. Gleichzeitig spielen Klimathemen bereits unmittelbar in ISO-Managementsystemen eine Rolle.
Für QM-Verantwortliche stellt sich deshalb weniger die Frage, ob sie ein zusätzliches „Nachhaltigkeitssystem“ aufbauen müssen. Entscheidend ist vielmehr:
Welche Nachhaltigkeitsthemen sind für unser Unternehmen tatsächlich relevant und an welchen Stellen berühren sie unser bestehendes Managementsystem?
Zuerst klären: Welche Anforderungen betreffen das Unternehmen überhaupt?
Eine der wichtigsten Aufgaben besteht 2026 darin, gesetzliche Pflichten, Kundenanforderungen und freiwillige Nachhaltigkeitsaktivitäten voneinander zu unterscheiden.
Denn nicht jedes Unternehmen ist automatisch unmittelbar zur Nachhaltigkeitsberichterstattung nach der CSRD verpflichtet. Im Zuge der europäischen Vereinfachungen wurde der Anwendungsbereich deutlich eingeschränkt.
Gleichzeitig bedeutet „nicht berichtspflichtig“ nicht automatisch „Nachhaltigkeit spielt für uns keine Rolle“.
Auch Unternehmen außerhalb des direkten Anwendungsbereichs können beispielsweise mit Anforderungen konfrontiert werden durch:
· Kunden und größere Geschäftspartner
· Ausschreibungen
· Lieferantenanforderungen
· Banken oder Investoren
· Anforderungen interessierter Parteien
· eigene Unternehmens- und Nachhaltigkeitsziele
Für das Qualitätsmanagement ist deshalb vor allem relevant, welche dieser Anforderungen Auswirkungen auf Prozesse, Risiken, Lieferanten, Kennzahlen oder dokumentierte Informationen haben.
Klimawandel gehört bereits in die Betrachtung des Managementsystems
Ein Punkt, der für QM-Verantwortliche besonders relevant ist, wird in der Nachhaltigkeitsdiskussion häufig übersehen: Das Thema Klimawandel berührt die ISO 9001 inzwischen auch unmittelbar.
Mit dem Climate Action Amendment von 2024 wurde die ISO 9001:2015 um Anforderungen bzw. eine Anmerkung zum Thema Klimawandel ergänzt. Organisationen müssen im Rahmen der Kontextanalyse bestimmen, ob der Klimawandel für ihr Managementsystem ein relevantes Thema ist. Zusätzlich wird darauf hingewiesen, dass interessierte Parteien klimabezogene Anforderungen haben können.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes ISO-9001-zertifizierte Unternehmen automatisch umfangreiche Klimaziele oder CO₂-Kennzahlen einführen muss.
Entscheidend ist zunächst eine nachvollziehbare Bewertung.
Hier können beispielsweise folgende Fragen hilfreich sein:
· Kann der Klimawandel unsere Prozesse beeinflussen?
· Entstehen daraus Risiken für Lieferfähigkeit, Infrastruktur oder Ressourcen?
· Haben Kunden oder andere interessierte Parteien entsprechende Anforderungen?
· Gibt es Auswirkungen auf Produkte oder Dienstleistungen?
· Müssen bestehende Risiken, Chancen oder Maßnahmen angepasst werden?
Für QM-Verantwortliche ist daher vor allem wichtig, dass die Frage bewusst geprüft und die Entscheidung nachvollziehbar im Managementsystem berücksichtigt wird.
QM ist Schnittstelle, aber nicht automatisch ESG-Verantwortlicher
Nachhaltigkeit betrifft viele Unternehmensbereiche gleichzeitig: Einkauf, Personal, Produktion, Geschäftsführung, Compliance, Facility Management und häufig auch das Qualitätsmanagement.
Genau hier entstehen schnell unklare Verantwortlichkeiten.
Wer erhebt beispielsweise Energieverbrauchsdaten?
Wer bewertet Nachhaltigkeitsanforderungen an Lieferanten?
Wer entscheidet über relevante Kennzahlen?
Und wer stellt sicher, dass Nachweise aktuell und nachvollziehbar sind?
Das Qualitätsmanagement kann dabei eine wichtige koordinierende Rolle übernehmen. Es bringt bereits viele Methoden mit, die für Nachhaltigkeitsthemen hilfreich sind:
· definierte Prozesse
· klare Verantwortlichkeiten
· dokumentierte Informationen
· Risiko- und Chancenbetrachtungen
· Lieferantenbewertungen
· Kennzahlensysteme
· interne Audits
· Managementbewertungen
Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Nachhaltigkeitsaufgaben beim QM angesiedelt werden sollten.
Sinnvoller ist es, bestehende Verantwortlichkeiten klar miteinander zu verbinden.
Bei Nachhaltigkeitsdaten zählt Datenqualität mehr als Datenmenge
Sobald Nachhaltigkeitsinformationen für Kunden, Managemententscheidungen oder Berichte genutzt werden, stellt sich eine aus dem Qualitätsmanagement sehr bekannte Frage:
Wie belastbar sind die Daten eigentlich?
Eine Zahl allein reicht nicht. Es muss nachvollziehbar sein:
· Woher stammt sie?
· Wie wurde sie ermittelt?
· Wer ist für sie verantwortlich?
· Wie häufig wird sie aktualisiert?
· Nach welcher Methode wird sie berechnet?
· Wo wird der Nachweis abgelegt?
· Wie werden Änderungen dokumentiert?
Genau hier können etablierte QM-Prinzipien einen großen Vorteil bieten.
Statt möglichst viele Nachhaltigkeitskennzahlen zu sammeln, sollten Unternehmen zunächst diejenigen Informationen zuverlässig beherrschen, die tatsächlich benötigt werden.
Aus QM-Sicht kann ein kleiner, nachvollziehbarer und für den jeweiligen Zweck geeigneter Datenbestand wertvoller sein als ein umfangreiches ESG-Dashboard, dessen Datenqualität nicht zuverlässig sichergestellt werden kann.
Lieferantenmanagement: Nachhaltigkeit gezielt statt pauschal integrieren
Auch das Lieferantenmanagement bleibt eine wichtige Schnittstelle zwischen Nachhaltigkeit und QM.
Dabei geht es jedoch nicht darum, bei jedem Lieferanten möglichst umfangreiche ESG-Fragebögen einzuführen.
Vielmehr sollte geprüft werden:
· Bei welchen Lieferanten bestehen relevante Nachhaltigkeitsrisiken?
· Welche Anforderungen ergeben sich aus Kunden, Produkten oder gesetzlichen Vorgaben?
· Welche Nachweise werden tatsächlich benötigt?
· Müssen vorhandene Bewertungskriterien ergänzt werden?
· Wie wird mit Abweichungen oder Risiken umgegangen?
Je nach Unternehmen können beispielsweise Umweltaspekte, Materialherkunft, soziale Standards oder bestimmte Nachweise relevant sein.
Wichtig bleibt der risikobasierte Ansatz: Nicht jeder Lieferant benötigt dieselbe Bewertungstiefe.
Nachhaltigkeit im Audit: Die Verbindung zum QMS nachvollziehbar machen
Auch bei Audits kann die Frage relevant werden, wie ein Unternehmen mit klimabezogenen und anderen für das Managementsystem relevanten Nachhaltigkeitsthemen umgeht.
Gerade im Zusammenhang mit der ISO 9001 sollte deshalb nachvollziehbar sein, ob und wie der Klimawandel im Unternehmenskontext bewertet wurde.
Mögliche Fragen sind beispielsweise:
· Wurde geprüft, ob Klimawandel für das QMS relevant ist?
· Welche Anforderungen interessierter Parteien bestehen?
· Haben sich daraus neue Risiken oder Chancen ergeben?
· Wurden Prozesse oder Maßnahmen angepasst?
· Wie wird die Wirksamkeit entsprechender Maßnahmen bewertet?
Dabei gilt auch hier: Es geht nicht darum, künstlich möglichst viele Nachhaltigkeitsprozesse zu schaffen.
Das Managementsystem muss zeigen können, dass relevante Themen erkannt, bewertet und angemessen behandelt werden.

Was QM-Verantwortliche 2026 konkret überprüfen sollten
Statt ein zusätzliches ESG-Projekt aufzusetzen, lohnt sich ein Blick auf das bestehende QMS.
Eine kompakte Bestandsaufnahme kann bereits viel Klarheit schaffen:
Kontextanalyse prüfen
Ist bewertet, ob der Klimawandel als relevantes externes Thema für das QMS einzustufen ist?
Interessierte Parteien überprüfen
Gibt es neue Nachhaltigkeitsanforderungen von Kunden, Geschäftspartnern oder anderen Stakeholdern?
Verantwortlichkeiten klären
Ist definiert, wer Nachhaltigkeitsinformationen erhebt, bewertet und freigibt?
Datenquellen nachvollziehen
Sind relevante Angaben reproduzierbar und belastbar?
Lieferantenmanagement überprüfen
Sind Nachhaltigkeitskriterien dort berücksichtigt, wo sie tatsächlich relevant sind?
Risiken und Chancen aktualisieren
Entstehen aus Klima- oder Nachhaltigkeitsthemen Auswirkungen auf Prozesse, Ressourcen, Lieferketten oder Produkte?
Managementbewertung nutzen
Werden relevante Entwicklungen regelmäßig auf Managementebene betrachtet?
So wird Nachhaltigkeit nicht zu einem zweiten Managementsystem, sondern dort berücksichtigt, wo sie das bestehende System tatsächlich beeinflusst.
Was QM dabei vermeiden sollte
Bei aller Relevanz besteht auch die Gefahr, Nachhaltigkeit unnötig kompliziert zu machen.
Drei Dinge sind deshalb besonders wichtig:
Keine Parallelwelt schaffen.
Wenn Risikoanalysen, Lieferantenbewertungen oder Managementreviews bereits funktionieren, sollten Nachhaltigkeitsthemen nach Möglichkeit dort integriert werden.
Nicht jede ESG-Anforderung automatisch dem QM zuschreiben.
Qualitätsmanagement kann Strukturen bereitstellen und Schnittstellen koordinieren. Die fachliche Verantwortung kann trotzdem in anderen Bereichen liegen.
Nicht messen, nur weil man messen kann.
Kennzahlen sollten einen klaren Zweck erfüllen. Daten ohne konkrete Verwendung erzeugen vor allem zusätzlichen Pflegeaufwand.
Fazit: 2026 geht es vor allem um Relevanz und klare Schnittstellen
Für QM-Verantwortliche bedeutet Nachhaltigkeit 2026 nicht zwangsläufig mehr Prozesse, mehr Dokumentation und mehr KPIs.
Viel wichtiger ist die Frage, welche Themen für das eigene Unternehmen tatsächlich relevant sind und wie sie sich sinnvoll in bestehende Strukturen einordnen lassen.
Qualitätsmanagement bietet dafür bereits viele der notwendigen Werkzeuge: klare Prozesse, Verantwortlichkeiten, belastbare Daten, Risikoanalysen und kontinuierliche Verbesserung.


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